Das Leben im Krieg und was wird aus diesem Blog?

Als wir uns 2010 entschlossen, unser weiteres Leben in der Ukraine zu verbringen, war nicht abzusehen, wie sich die politische Situation ändern würde. Ich fing dann 2011 diesen Blog an, berichtete über Land und Leute, Sitten und Bräuche, über Kurioses, sowie unser Leben hier. Dann kam der Euromaidan, der Überfall der Russen im Osten, die Annexion der Krim und ich konnte seither nicht mehr so frei und selbstverständlich über unser Leben schreiben.

Und dann passierte am 24. Februar 2022 das Undenkbare, die volle Invasion der Russen und die schrittweise Auslöschung von allem, was irgendwie an das ukrainische Volk erinnert. Es gibt keine Worte, all das Leid, die Zerstörungen und alles, was damit zusammenhängt zu beschreiben. Ukraweb ist nach wie vor mein Blog für Privates, mit Beiträgen über die Geschichte der Ukraine oder zur ukrainischen Sprache, und das soll auch so bleiben. Darum fing ich auf der Partnerseite piske.de an, über den Krieg und damit Zusammenhängendes zu berichten, die Reichweite war jedoch nicht so groß und ich nutze diese Seite nur noch, um Beiträge zu veröffentlichen, bei denen abzusehen ist, dass Facebook diese zensieren wird.

Und doch – auch im Krieg geht das Leben weiter!

Nach Kriegsbeginn war der Schock natürlich unvorstellbar groß, was man auch allseits spürte. Die Regale in den Geschäften wurden lichter, an den Tankstellen gab es lange Schlangen, die Abgabe von Benzin wurde rationiert, wenn es überhaupt welches gab und an jedem Ortseingang gab es intensive Kontrollen. Doch schon nach wenigen Wochen normalisierte sich das wieder. Trotz allem bestellten wir unser Land, züchteten Enten, begannen wieder Ziegen zu halten und verkauften kistenweise Erdbeeren. Es eröffneten neue Geschäfte, sogar bei uns im Dorf, und hin und wieder besuchen wir auch mal ein Restaurant.

Nach wie vor schaut man jeden Tag voller Sorge auf den Frontverlauf und auf die täglichen Verluste der Kazappen. So absurd es klingen mag, gerade heute ist uns zum feiern, da rekordverdächtig (siehe Bild). Fast jeder hat die Luftalarm-App installiert und wird von dieser oft mehrmals täglich gewarnt. Das registriert man, hebt den Stinkefinger in den Himmel, ruft »Scheiß Russen! F*ckt Euch!« – und geht wieder seiner Arbeit nach. Ja, man muss sich da Luft machen und das tut gut.

Schlimmer ist es in den Städten, da gehen wie im 2. Weltkrieg die Sirenen los. Zum Glück hören wir das hier draußen auf dem Dorf nicht, denn da bekommt man wirklich Gänsehaut. Wir waren einige Wochen nach Kriegsbeginn erstmals wieder auf dem zentralen Markt in Tscherkassy und standen an der Ampel, als direkt neben uns auf dem Dach die Sirene losging. Was waren wir erschrocken! Aber die Menschen, die wir sahen, registrierten das schon gar nicht mehr. Mit aktuellem Stand heute hatten wir im Oblast Tscherkassy 1345x Luftalarm, die zusammen ~1400 Stunden dauerten. Einen Überblick bekommt man auf der Seite ukrainealarm, eine Seite, die ich leider häufig besuche. Während ich hier schreibe, ging der 5. Alarm für heute soeben wieder los... Russen!

Keine Frage, diese ganze Situation hinterlässt auch Spuren. Ich will nicht sagen, dass man sich daran gewöhnt, man nimmt es wahr und lebt damit. Und wir spenden jeden übrigen Hriwna der Armee. Für Drohnen, Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras und alles, was eben gebraucht wird, um diese russischen Bastarde erfolgreich zu bekämpfen.

Einen negativen Effekt hat die Situation jedoch. Die Arbeit geht nicht so einfach von der Hand, man muss sich oft dazu zwingen, mental kommt man schon an seine Grenzen. Ist man dann aber bei der Arbeit, lenkt es einen auch wieder wohltuend für kurze Zeit von den Sorgen ab. Man darf dabei nicht vergessen, dass wir hier in der Zentralukraine doch relativ sicher sind.

Bei den Luftangriffen traf es in Tscherkassy 2022 die Brücke und letzten Herbst ein Hotel direkt am Markt. Zum Glück passierte das früh gegen 4:30 Uhr, als noch kein Betrieb herrschte. Ich selbst hörte sogar die Rakete direkt über unser Haus kommen und war sofort hellwach. Kurz darauf hörten wir in der Ferne die Explosion. Das nimmt einen natürlich mit und die Wut auf diese Elenden aus den Sümpfen steigert sich ins Unerträgliche. Es ist nur ein kleiner Trost, dass die Statistik besagt, dass es mehr tödliche Unfälle im Straßenverkehr gibt als durch Raketen- oder Drohnenangriffe.

Und was passiert nun hier im Blog?

Wie ich eingangs erwähnte, war der Beginn des Krieges 2014 für meine Berichte eine Zäsur. Ich konnte dann nicht mehr unbeschwert über unser Leben und besondere Ereignisse schreiben. Das ist jetzt auch nicht viel anders. Jedoch sehe ich, wie gut Ukraweb besucht wird, besonders die Zugriffe auf die Artikel der Geschichte, der Sitten und Bräuche, auf Rezepte, sowie die Lektionen zur ukrainischen Sprache sind sehr gefragt. Der Beitrag, welcher das ukrainische Alphabet erklärt, hat mittlerweile über 140 000 Zugriffe und ist einsamer Spitzenreiter. Es existiert also doch Interesse an der Ukraine, an deren Sprache, der Geschichte und dem Leben hier.

Und dann sah ich am Wochenende auf Facebook dieses Bild. Das sind Schüler, die im aktuell so stark beschossenen Charkiw ganz früh am Morgen, als es keinen Luftalarm gab, für den Schulabschlussball üben. Ja! Das Leben geht auch im Krieg weiter. Das hat mich ermutigt und ich werde jetzt versuchen, auch wieder Beiträge zu schreiben über das Leben hier, die Sorgen, die kleinen Freuden. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Vorerst habe ich ein wenig aufgeräumt. Die »News« sind weg. Da viele Seiten den RSS-Feed nicht mehr nutzen, mit dem ich die Artikel ausgelesen habe, kam da auch lange nichts mehr. Auch die Reiseinfos sind vorübergehend offline, da es ja aktuell keine Fluglinien gibt. Nach wie vor kann man uns aber besuchen! Trotz Krieg fand der ein oder andere den Weg zu uns. Das ist kein Kriegstourismus, ganz im Gegenteil. Nicht nur wir freuen uns über jeden Gast. Wer Interesse hat, schreibt mir.

Copyrightangaben:
Das Bild aus Charkiw stammt von dem Fotografen Yan Dobronosov. Ich hoffe, es ist ok, wenn ich es hier teile.


 

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